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Nach 100 Jahren

möchte ich gelesen werden …

Annette von Droste-Hülshoff in Briefen

Stöbern Sie hier in den Briefen der Dichterin. Erfahren Sie mehr über ihren Alltag, über Droste als Dichterin und Briefschreiberin, ihr Privatleben, ihre Familie und Freund:innen und über den Briefverkehr im 19. Jahrhundert. Lernen Sie ihre Wohnorte wie die Burg Hülshoff, das Rüschhaus oder Meersburg in Multimedia-Storys kennen. Oder chatten Sie doch mal mit Annette! Viel Spaß!

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Auszug aus Hülshoff

(…) Die Spiegel und Mamas schönes Bild erhältst Du durch Ueberbringer dieses, und heute nachmittag kömmt noch zweymahl Gelegenheit, erstlich Klemens, der einen Hasen und ein Huhn bringt und der zugleich Deine kleine Uhr trägt, und endlich ein Wagen, der alles Uebrige bringt, was noch hier ist. Nur mit einigen Punkten steht es schlimm. Erstlich die Stangen vom Wilkingheger Bett. Davon wußte wenigstens gestern noch niemand recht Bescheid, was aus ihnen geworden. Wenn sie also um das Fremdenbett vielleicht gehören, so rath ich Dir, vorläufig Deine oder meine zu nehmen, denn ich kann Dir nicht dafür stehn, ob sie sich gegen dieses Nachmittag oder überhaubt finden. Ferner will Jennchen durchaus keine Gemüsekörbe abgeben; sie behauptet, daß kein einziger da wär‘,WeiterlesenAuszug aus Hülshoff

Wie schreiblustig bin ich heut‘!

Ihr Brief, mein sehr lieber oder vielmehr mein liebster Freund, ist entweder in nicht angemerkten Zwischenräumen geschrieben, oder er hat, des täglichen Botenverkehrs nicht achtend, auf dem Wege von Ihrem Schreibtische in den meinigen sich noch einige gute und lustige Tage machen wollen, gleich einem streng gehaltenen Schüler, der auch mitunter einen Reisetag aus eigner Machtvollkommenheit zusetzt, wenn ihn die Zuchtrute des Vaters auf den Postwagen geleitet und drüben der Bakel des Magisters winkt. Kurz, in dürrer Prosa, ich habe Ihr vom Sonntage datiertes Schreiben erst heute, am Donnerstage, und zwar soeben, erhalten. Ach, mein Freund, wie traurig ist’s, wenn man sein Pfund vergraben muß! Wie schreiblustig bin ich heut! Welch eine Masse von Bildern, Gleichnissen, sogar Gedanken, die ichWeiterlesenWie schreiblustig bin ich heut‘!

Mama ist eine anstrengende Patientin

(…) Wir erwarten jetzt Jenny bald zurück, Werner, mein Bruder nämlich, ist vorgestern abgereist, um sie selbst von Bökendorf abzuholen — ich fürchte nur, man wird ihn dort aufhalten, was mir eigentlich gar nicht recht war, denn Jenny ist hier höchst nötig, erstlich für ihre Blumen, die in dem kalten feuchten Wetter eher zurück als vorwärts wachsen — Mama würde sich die Haare ausreißen, wenn sie es sähe, aber sie sitzt schon seit drei Wochen in der Stube und laborirt an einer Fußwunde, die zwar nicht sehr böse ist, aber doch auch nicht ganz besser werden will, und das ist eigentlich der Hauptgrund, weshalb ich Jennys Zurückkunft kaum erwarten kann, denn Mama wär längst kuriert, wenn ich nur etwas Succurs[1]Succur:WeiterlesenMama ist eine anstrengende Patientin

Die geistlichen Lieder dürfen erst nach meinen Tode öffentlich erscheinen

(…) Schücking ist auch noch unversorgt und strengt sich übermäßig an, um zugleich seinen Erwerbszweigen (Sprachunterricht und literarische Arbeiten) und den nötigen Studien für sein ferneres Fortkommen genugzutun. Er sieht elend aus, klagt aber nicht. Sein Verhältnis zur Bornstedt hat übrigens nicht die von Ihnen befürchtete Richtung genommen, vielmehr ist die Rosenfarbe daran immer mehr verblichen und jetzt ein so trocknes freundschaftliches Verhältnis daraus geworden, als man es zu beider Besten nur wünschen kann. (…) Von meinem hiesigen Leben kann ich Ihnen wenig sagen, Sie sehen einen Tag, damit haben Sie alle gesehn. Ich schreibe, lese, was mir die Güte meiner Freunde zukommen läßt, stricke ein klein, klein wenig (abends) und bin zur Abwechslung mitunter unwohl. Geschrieben habe ich eineWeiterlesenDie geistlichen Lieder dürfen erst nach meinen Tode öffentlich erscheinen

Diebe, Landstreicher und die Leiche des Prinzen Nikolaus

(…) Du wirst schon längst wissen, daß Prinz Nikolaus von Russland in Holland gestorben, und die Leiche durch Münster gekommen ist, – Es war grade Markttag, und die Bauren sprechen viel davon, wie er in einem ganz schmalen Wägelchen vor dem sein Leibreitpferd, ein schöner Engländer gespannt gewesen, aufrecht gesessen, das Wägelchen sowohl wie das Pferd seien aber ganz schwarz verhängt gewesen, so auch die nachfolgenden Wägen, auf denen Kosacken gesessen. — Ich finde die Art, so aufrecht sitzend Leichen zu transportieren, vorzüglich greulich, und mich dünkt seine junge Frau, die zweyte Prinzessin von Preußen muß es nie wieder vergessen können, wenn sie ihn so in seinem Wägelchen, ganz von der Sonne gedörrt, auf einige hundert Stunden Weges ankommen sieht.WeiterlesenDiebe, Landstreicher und die Leiche des Prinzen Nikolaus

Malchen, die „Leib- und Magen-Ketzerin“

(…) Dass Hassenpflugs schon seit Monaten hier sind, Mann, Frau und drei Kinder, weißt Du wohl schon, und Tante Dine wird dir hierüber alles so genau sagen, daß ich nichts hinzu fügen könnte, — Malchen war auch bis vor einigen Tagen hier, zu unsrer großen Freude, ist aber vor drei Tagen abgereist, sie hat mich noch beym Abschiede gebeten, Dich aufs Herzlichste zu grüßen, ich sagte ihr, daß Du es nicht hättest leiden können, daß sie Dir immer einen Handkuss geschickt hätte, sie sagte: es sei ihr so zu Mute gewesen, daß sie Dir hätte die Hand küssen mögen, darum habe sie es geschrieben. (…) Galen habe ich nun auch öfter gesehn, er ist gutmüthig, und gewiß nicht ohne VerstandWeiterlesenMalchen, die „Leib- und Magen-Ketzerin“

Sie sind also Bräutigam …

(…) Sie sind also Bräutigam, und zwar einer höchst wahrscheinlich sehr guten und ganz gewiß höchst liebenswürdigen Braut, die nach Ihrer Beschreibung wirklich grade das zu besitzen scheint, was zu Ihrem innern Glück und äußeren Wohle notthut, und wonach mein Auge lange ängstlich für Sie umher gesucht hat. Nun, Gott segne Sie und gebe Ihnen alles Glück, was Ihr Herz so reichlich verdient! Wenn meine Wünsche für Sie nur erfüllt werden, dann will ich auch nicht zanken, daß Sie meinen warmen, angstvollen Rat, wie gewöhnlich, mit aller Hochachtung beyseite geschoben und dem Schicksal den Handschuh gradezu ins Gesicht geworfen haben. Jetzt bittet Dein Mütterchen Dich aber noch einmahl, und es ist die letzte Bitte, von deren Erfüllung noch vieles abhängenWeiterlesenSie sind also Bräutigam …

Mein lederner Reiseroman

(…) Ich machte mich in der letzten Zeit stärker als ich war, um Paulinens Widerstand zu besiegen, die mich nicht begleiten konnte (weil ihr ein junges Mädchen in den Ferien anvertraut war) und mich mit großer Liebe und Sorge entließ; sie hatte Alles getan, mir die Reise zu erleichtern, mir alle Karten für Dampfboote und Eisenbahnen, sogar für den Omnibus bis Freyburg verschafft (diese Anstalten stehn miteinander in Berechnung) und zugleich ein Empfehlungsschreiben vom Direktor der Cölnischen Dampfschiffahrt, was an sämtliche Wagen- und Schiffkondukteure[1]Kondukteur: Schaffner gerichtet, ihnen jede Rücksicht für mich auf die Seele band, so bin ich übergekommen fast so bequem wie in meinem Bette (d. h. bis Freyburg) — die Herrn Kondukteure führten mich immer gleich in denWeiterlesenMein lederner Reiseroman

„Hübsche Sächelchen“? Das ist zu arg!

Schon seit anderthalb Monathen ist ihr liebereicher herzlicher Brief in meinen Händen, mein verehrter lieber lieber Freund, und erst heute antworte ich, da ich doch nichts anderes Wichtiges in der Zeit zu thun hatte, und mich gottlob, im Ganzen immer sehr wohl befunden habe, sollte man das nicht unter die Räthsel zählen? — Ach, mein Sprickmann, es ist mir sauer genug geworden, meine Grille mit dem Namenstage durchzusetzen, das heißt, bey mir selbst durchzusetzen, (die keinen Bogen unbeschriebenes Papier sehen konnte, ohne die peinlichste Ungeduld und Sehnsucht, und keine Feder ohne ein magnetisches Zucken in den Fingern zu fühlen) denn den Uebrigen, und besonders meiner lieben Abschreiberinn, der Jenny, war es eben recht, und diese ist auch eben schuld daran,Weiterlesen„Hübsche Sächelchen“? Das ist zu arg!

Was würden wir da manchen Gulden totschlagen!

(…) Heute muß ich diesen Brief schließen, wenn er noch zur rechten Zeit kommen soll. Ich trenne mich ordentlich schwer von ihm, denn Sie sind mir fast wie gegenwärtig wenn ich so zu Ihnen rede. Ich las neulich von einer Erfindung, die man noch zu vervollkommnen und zum Besten der Politik auszubeuten hofft; nämlich durch eine wenig kostbare Vorrichtung von drahtdünnen Röhrchen unter der Erde den Schall auf große Wegstrecken so fortzupflanzen, daß man z.B. in Minden nur sprechen und ein anderer in Münster das Ohr anlegen darf. Ich denke mir, diese Einrichtungen würden dann Regale, und man förmlich auf Billets nach vorläufiger Bestellung zu Unterredungen zugelassen. Ach Gott, Lies, was würden wir da manchen halben Gulden totschlagen! … EsWeiterlesenWas würden wir da manchen Gulden totschlagen!

„Nenn sie Hexe und Kokette, aber niemals kleine Nette!“

Was kommen Sie mir denn mit meiner steinalten, seit 25 Jahren begrabenen Koketterie? Ich habe Ihnen ja schon früher erzählt, wie wir sämtlichen Cousinen haxthausischer Branche durch die bittere Not gezwungen wurden, uns um den Beifall der Löwen zu bemühn, die die Onkels von Zeit zu Zeit mitbrachten, um ihr Urteil danach zu regulieren, wo wir dann nachher einen Himmel oder eine Hölle im Hause hatten, nachdem diese uns hoch oder niedrig gestellt. Glauben Sie mir, wir waren arme Tiere, die ums liebe Leben kämpften, und namentlich Wilhelm Grimm hat mir durch sein Mißfallen jahrelang den bittersten Hohn und jede Art von Zurücksetzung bereitet, so daß ich mir tausendmal den Tod gewünscht habe. Ich war damals sehr jung, sehr trotzigWeiterlesen„Nenn sie Hexe und Kokette, aber niemals kleine Nette!“

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